Konferenz Bio-Regio in Sachsen zeigt: Zukunft wächst regional – und braucht Verstetigung

Wolfram Günther, Valentin Lippmann, Renate Künast und Franziska Schubert posieren bei der Konferenz

Wie groß das Interesse an regionaler und ökologischer Wertschöpfung in Sachsen ist, zeigte sich Anfang Dezember eindrücklich bei der Bio-Regio-Konferenz „Zukunft wächst regional“ in Dresden. Der Saal war voll, die gesamte Wertschöpfungskette vertreten: Teilnehmende kamen aus Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Gastronomie, Hotellerie, Kommunen, Verwaltung und Politik. Gemeinsam mit Abgeordneten der Bündnisgrünen im Sächsischen Landtag zeigte die Bio-Regio in Sachsen: unsere Zukunft wächst regional – und braucht Verstetigung.

Markt der Möglichkeiten bietet Austausch und Vernetzung

Schon beim Ausstellungsformat „Markt der Möglichkeiten“ wurde deutlich, wie vielfältig die bestehenden Initiativen im Land sind – vom Bio-Schulprojekt bis zur LEADER-Region – und wie groß zugleich der Bedarf an Austausch, Orientierung und strategischer Weiterentwicklung ist. Viele der vorgestellten Projekte befinden sich in einer Phase der Konsolidierung und suchen gezielt nach Möglichkeiten zur Verstetigung und Skalierung.

Vom Einzelprojekt zur tragfähigen Struktur

Im Zentrum der Konferenz stand eine gemeinsame Leitfrage: Wie kann Bio-Regio in Sachsen vom engagierten Einzelprojekt zu einer tragfähigen wirtschaftlichen Struktur werden? In seinem Impuls machte Wolfram Günther deutlich, dass es um starke Betriebe, um Wertschöpfung für die Region und letztlich auch um Versorgungssicherheit geht. Bundeslandwirtschaftsministerin a.D. Renate Künast ordnete Bio und Regional in einen größeren Zusammenhang ein: als Antwort auf globale Krisen, fragile Lieferketten und den wachsenden Wunsch der Verbraucherinnen und Verbraucher nach Transparenz, Qualität und Herkunft. Mehrfach wurde dabei betont, dass regionale Wertschöpfung von den Verbrauchern gewünscht und fast immer ein  strategischer Standortvorteil ist.

Ansätze für die Überwindung von strukturellen Konflikten in der Werkstattphase

Diese strategische Perspektive prägte auch die anschließende Werkstattphase, in der intensiv, offen und teils auch kontrovers diskutiert wurde. In allen vier Werkstätten zeigte sich schnell: Das Wissen über Probleme und Potenziale ist vorhanden – was fehlt, sind verlässliche politische Rahmenbedingungen, stabile Strukten über Projekte hinaus, klare Zuständigkeiten und langfristige Perspektiven. Besonders deutlich wurde dies in der Werkstatt „Zukunft sichern – Struktur statt Projekt“. Viele Teilnehmende beschrieben, dass es in Sachsen zwar eine Vielzahl guter Modellvorhaben gibt, diese aber oft isoliert nebeneinanderstehen. Förderprogramme seien zeitlich befristet, personell fragil und häufig an Einzelpersonen gebunden. Sobald Projektmittel auslaufen, brechen mühsam aufgebaute Netzwerke weg, Wissen geht verloren und Beziehungen müssen später neu geknüpft werden.

Der Wunsch nach dauerhaften Koordinierungsstellen, regionalen Kümmerern und verlässlicher, ausreichender Finanzierung zog sich durch die gesamte Diskussion. Ergänzend wurde angeregt, bestehende Förderinstrumente stärker zu bündeln und mit klaren Zuständigkeiten zu hinterlegen, um Doppelstrukturen zu vermeiden und Synergien besser zu nutzen.

Außer-Haus-Verpflegung: Pull-Faktor für regionale Märkte und Bio-Qualität

In der Werkstatt zur Außer-Haus-Verpflegung wurde intensiv darüber gesprochen, welche herausgehobene Rolle öffentliche Küchen für Bio-Regio spielen können. Kitas, Schulen, Krankenhäuser und Kantinen wurden von vielen als entscheidender Hebel benannt, um Nachfrage zu bündeln und regionale Märkte zu stabilisieren. Gleichzeitig wurde klar, wie hoch die Hürden in der Praxis sind: fehlende Vorverarbeitungsstrukturen, unsichere Liefermengen, starre Vergabekriterien und mangelnde Beratung auf kommunaler Ebene stehen dem Heben des großen Potenzials der öffentlichen Gemeinschaftsverpfegung systematisch im Weg. Mehrfach wurde betont, dass Kommunen und Träger nicht allein gelassen werden dürfen, wenn sie auf regionale Beschaffung umstellen wollen. Ohne Unterstützung, Know-how und Planungssicherheit bleibe Bio-Regio in der Gemeinschaftsverpflegung ein gut gemeintes Ziel, das im Alltag scheitert. Als konkrete Bedarfe wurden regionale Logistiklösungen, praxisnahe Vergabeleitfäden sowie Schulungs- und Beratungsangebote für Vergabestellen und Küchenleitungen benannt.

Bio & Regional im Regal – mehr Kooperation und überregionale Kennzeichnung

Auch die Werkstatt „Bio & Regional im Regal“ machte deutlich, dass Marktchancen durchaus vorhanden sind – aber weder automatisch entstehen noch automatisch genutzt werden können. Händlerinnen und Händler berichteten von wachsender Nachfrage nach regionalen Produkten, zugleich aber von hohen Anforderungen an Verlässlichkeit, Qualität und Logistik. Viele kleinere Betriebe können diese Anforderungen allein kaum erfüllen. In dieser, aber auch in den weiteren Diskussionsrunden, tauchte immer wieder der Wunsch nach Kooperationen auf, nach gemeinsamer Vermarktung, abgestimmten Sortimenten und professionellen Strukturen, die zwischen Erzeugung, Verarbeitung und Handel vermitteln. Regionalität müsse für Verbraucherinnen und Verbraucher sichtbar, verständlich und glaubwürdig sein – als Marke und als Geschichte, nicht nur als Herkunfts- oder als Qualitätsangabe. Zugleich wurde angeregt, ein landesweit anschlussfähiges Kennzeichnungs- und Kommunikationskonzept zu prüfen, das Vertrauen schafft und Orientierung im Regal erleichtert.

Essbare Dörfer und Städte – Gesunde Ernährung als öffentliche Aufgabe

In der Werkstatt „Essbare Dörfer und Städte“ wurde der Blick bewusst geweitet. Ernährung wurde hier als Teil kommunaler Daseinsvorsorge verstanden, vergleichbar mit Mobilität, Bildung oder Energie. Viele Beiträge betonten, dass gute Ernährung nicht allein Privatsache ist, sondern eine öffentliche Aufgabe mit Auswirkungen auf Gesundheit, soziale Teilhabe und regionale Wirtschaft. Gleichzeitig wurde deutlich, dass erfolgreiche Beispiele fast immer auf engagierte Personen, politische Rückendeckung und lokale Netzwerke zurückgehen. Wo Bürgermeisterinnen und Bürgermeister hinter dem Thema stehen, wo Verwaltung, Zivilgesellschaft und Betriebe zusammenarbeiten, entstehen tragfähige Lösungen. Wo diese Faktoren fehlen, bleibt es bei Einzelinitiativen. Mehrfach wurde der Wunsch nach kommunalen Ernährungsstrategien geäußert, die Ziele bündeln, Zuständigkeiten klären und lokale Akteure dauerhaft vernetzen.

Bio-Regio braucht mehr Verlässlichkeit und Vernetzung

Die gemeinsame Ergebnisverdichtung am Ende der Konferenz kondensierte die vielfältigen Diskussionen. Über alle Werkstätten hinweg zeigte sich ein bemerkenswerter Konsens: Bio-Regio braucht weniger neue Programme, sondern mehr Verlässlichkeit, Verstetigung und stabile Rahmenbedingungen sowie ausreichende Finanzierung. Weniger kurzfristige Modellprojekte, dafür langfristige Strukturen. Weniger Parallelinitiativen, dafür bessere Vernetzung. Und eine Politik, die Rahmen setzt, statt Verantwortung nach unten durchzureichen. Zugleich wurde deutlich, dass klare politische Zielbilder und messbare Etappenschritte notwendig sind, um Fortschritte sichtbar zu machen und Vertrauen bei Betrieben und Kommunen aufzubauen.

Unser Auftrag: Bio-Regio in Sachsen strukturell stärken

In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass viele Teilnehmende Bio-Regio nicht als Sonderthema für eine bestimmte Zielgruppe verstehen, sondern als realistische Entwicklungsperspektive für den ländlichen Raum, für regionale Wirtschaftskreisläufe und für eine krisenfeste Versorgung. Die Konferenz habe gezeigt, so mehrere Stimmen, dass der Wille da ist – jetzt müsse die Politik liefern. Für die BÜNDNISGRÜNE-Fraktion ist klar: Die Veranstaltung war kein Schlusspunkt, sondern ein Arbeitsauftrag

Die Erkenntnisse aus den Werkstätten und der Umfrage unter den Teilnehmenden fließen in die weitere parlamentarische Arbeit ein. Ziel ist es, Bio-Regio in Sachsen strukturell zu stärken – als wirtschaftliche Chance, als Beitrag zu guter Ernährung und als Baustein regionaler Resilienz. Dazu gehört auch, erfolgreiche Praxisbeispiele systematisch auszuwerten und als übertragbare Modelle für andere Regionen im Freistaat nutzbar zu machen.

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